Ahisā - Non-Violence - Gewaltlosigkeit

Ahi, die Abwesenheit von Gewalt, ist ein yogisches Yama: eine Regel für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Warum Ahi - und warum Regeln für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen? 

 

Ahi, Gewaltlosigkeit, zu üben ist eine von vielen möglichen persönlichen Entscheidungen.

 

In einer Welt, in der Leiden durch Gewalt verursacht wird, erscheint es vernünftig zu sein, auf das Ausüben von Gewalt zu verzichten, um zu lernen, zu diesem Leiden möglichst wenig bis nichts beizutragen. Dies ist eine Idealvorstellung, ein Ziel, an das eine zunehmende Annäherung durch Übung möglich wird. Und auch wenn dieses Ziel nie erreicht würde, wird jede Handlung, die ahi ist, dazu beitragen, dass es etwas weniger Leiden auf der Welt gibt. Bringt das etwas?

 

Probieren Sie es doch aus. Mit der ganz einfachen Frage: "Welche mir jetzt mögliche Handlung bringt für alle Wesen am wenigsten Leiden mit sich." Schon nur das Innehalten und sich Fragen, ermöglicht neue Perspektiven und neue Handlungen. Den ganzen Tag verbringen wir mit Handlungen, und so ergibt sich, wie bei einer Kontemplation, den ganzen Tag über Gelegenheit zu dieser Frage und zur Berücksichtigung unserer Antwort darauf in unseren Handlungen. 

Schritt für Schritt verschiebt sich der Fokus. 

Ahisā in klassischen Yoga Texten: 

Die "Yoga Kośa" beschreibt, dass "ahi [Gewaltlosigkeit] darin besteht, hiṃsā [Gewalt] in Tat, Wort, und Gedanken zu vermeiden. Einigen Vertreter*innen der Vedānta Philosophie ["Philosophie von dem Ende des Veda", d.h. des überlieferten Wissens, das weisen Personen durch Offenbarung zuteil wurde"] zufolge, ist der Glaube, dass ātman [die Seele] all-durchdringend sei und weder durchdrungen noch durchtrennt, und auch nicht ergriffen werden könne, die beste Form von ahi

 

Nach dem "Yoga Śāstra von Hemacandra" werden die folgenden fünf Formen von hiṃsā von krodha (Ärger) oder lobha (Gier) verursacht: 

  1. das Festbinden/ am sich-entfernen-hindern von Menschen oder Tieren​

  2. einen Schnitt auf ihrer Haut verursachen

  3. sie zu überladen

  4. sie zu schlagen

  5. ihnen Nahrung, etc., vorzuenthalten

Dieser Text betont die Bedeutung von mentalem ahi, von geistiger Gewaltlosigkeit. Nach der "Vyāsa-Bhāṣya", machen satya (Wahrhaftigkeit), asteya (Nicht-Stehlen), brahmacarya (Kontinenz), und aparigraha (Nicht-Anhaften) ahi aus."

In der "Vaśiṣṭha Sahitā" wird ahi beschrieben als "Nicht-Verletzen aller Wesen zu allen Zeiten und unter allen Bedingungen in Tat, Gedanken, oder Worten". Des Weiteren kann eine Handlung als ahi beschrieben werden, wenn sie keinem Lebenden Wesen ein Gebrechen zufügt. 

Caraṇdāsas "Aṣṭāga Yoga" sagt aus: "Ahi (Gewaltlosigkeit), [...] bedeutet, niemals einer anderen Person die Schuld zu geben, niemals schroffe Worte zu sprechen, und niemals jemanden zu töten. Mit Gedanken, mit Worten, oder mit Handlungen niemals eine andere Person zu verletzen, das ist Ahi." Caraṇdāsa betont, dass ohne Einhalten der Yamas (Regeln für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen) und Niyamas (Verhaltensregeln), an Yoga nicht zu denken ist - wenn sie jedoch beachtet werden "ist Yoga da". Das Yama Ahi wird im klassischen Yoga Text "Hahapradīpikā" von Svātmārāma sogar als wichtigstes Niyamas beschrieben.

 

Taimni schreibt in seinem Kommentar zu Patañjalis "Yoga Sūtras": "Ahi stellt in Wirklichkeit eine Haltung und eine Form des Verhaltens gegenüber allen lebenden Wesen dar, beruhend auf der innewohnenden Einheit des Lebens. Da die yogische Philosophie auf der Lehre von der*dem Einen Lebendigen beruht, ist es leicht zu sehen, weshalb unser äußeres Verhalten so gestaltet werden sollte, dass es im Einklang ist mit diesem all-umfassenden Gesetz des Lebens." Und weiter wird denjenigen Personen, die in der Berücksichtigung von Ahi Perfektion erlangen wollen, geraten: "alles akademische Wissen außen vor zu lassen, den Geist, die Emotionen, Worte und Taten strikt zu beobachten und damit zu beginnen, diese entsprechend dem eigenen Ideal zu regulieren. Langsam, wenn es dieser Person gelingt, ihr Ideal in die Tat umzusetzen, werden die immanenten Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten in ihren Gedanken, Taten, und Worten allmählich zum Vorschein kommen, ihre Sicht wird klarer werden und die richtigen Verhaltensweisen unter welchen Umständen auch immer, werden intuitiv erkannt werden. Und allmählich wird sich diese anscheinend negative Idee der Harmlosigkeit transformieren in das positive und dynamische Leben der Liebe, die in ihren beiden Aspekten in Erscheinung tritt, im zärtlichen Mitgefühl für alle lebenden Kreaturen und in ihrer praktischen Form, dem Dienst am Nächsten."

Mahatma Gāndhī

Welche nicht zu unterschätzende persönliche, politische, und auch spirituelle Kraft diese Praxis von Ahisā mit sich bringt, zeigt Mahatma Gāndhīs Leben. Mohandas Karamchand Gāndhī (Mahatma ist ein Ehrentitel und bedeutet "große Seele") selbst lernte Ahi von Kasturba Kapadia (später Gāndhī) seiner Ehefrau, die er wiederholt seinem Willen unterwerfen wollte. Sein damaliges Verhalten entsprang seinem damaligen Weltbild. Sie jedoch verfügte über große Willensstärke, und widersetzte sich vehement seinem Willen. Gāndhī begann, sein eigenes Verhalten wahrzunehmen und zu beobachten. Er lernte, seine Perspektive aus der Perspektive einer anderen Person - seiner Ehefrau - wahrzunehmen, und begann sich zu schämen und sein Verhalten als Resultat seiner eigenen Dummheit zu sehen, die ihn hatte denken lassen, dass er zum Herrschen über seine Frau geboren worden sei. Sein Denken und sein Handeln waren geprägt von seinem sozialen Kontext und nicht vom respektvollen und liebevollen Miteinander zweier Personen, die einander sehr nahe sind. Mohandas Karamchand Gāndhī beschloss, sein Verhalten zu ändern. Kasturba Gāndhī wurde seine Lehrerin in Gewaltlosigkeit. Mahatma Gāndhīs Wirken veränderte die Geschichte Indiens und beeinflusste auch die African-American Civil Rights Movement in den USA, sowie den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer und die Bekennende Kirche im Deutschland der Nazizeit.

 

Mahatma Gāndhī und Martin Buber

Der österreichisch-israelische jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, der Begründer des Dialogischen Prinzips, schrieb Mahatma Gandhi 1939 einen Brief, den Gāndhī - entgegen seiner Gewohnheit - nie beantwortete, wohl nicht mit Worten beantworten konnte. In diesem Brief beschreibt Buber Gāndhī die Lebenssituation der Juden im Deutschland der Nazizeit, kurz nach den Novemberpogromen. Buber findet Worte für seine individuelle und kollektive Lebenssituation, die in ihrer unfassbaren, zerstörerischen Wucht doch eigentlich sprachlos machen muss, diese Worte richtet er an sein Gegenüber, dem er vertraut. Sein Gegenüber bleibt ihm eine Antwort schuldig. 

 

Manches will und muss in seiner Wahrheit ausgesprochen und wahrgenommen werden, um überhaupt sein zu können, auch wenn es darauf, noch, keine Antwort geben kann. "Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du." Und so ist das gewaltfreie, wahrhaftige Sprechen miteinander immer auch das Üben der Beziehungsfähigkeit zum 'ewigen Du' Gottes. 

 

Ahisā ist das wichtigste Prinzip eines wirklichen Dialogs miteinander und macht es erst möglich, uns gegenseitig und selbst als Menschen zu sehen. Ahi ist das Fundament der Menschenwürde, nach innen wie nach außen.

© 2018 Ama Ramona Loeschcke www.webpsychologin.net